Zeitungsausschnitt: Portrait Schauspielerin Carin C. Tietze

Daheim am Starnberger See

Über Freunde zu schreiben, ist immer so eine Sache … Gilt als ähnlich riskant wie chirurgische Eingriffe unter Familienangehörigen. Dennoch, ich hab’s immer mal wieder getan, und vielleicht ist es hin und wieder sogar geglückt. Zum Beispiel gibt es diesen Text hier, den ich vor ein paar Jahren für das an meinem Wohnort erscheinende SeeMagazin über meine Freundin Carin, ihre Rolle in der TV-Serie „Hubert und Staller“ und ihre (von mir geteilte) Liebe zum Starnberger See schrieb – und mit dem Carin einverstanden war…

Von Denver nach Ammerland

Sie weiß noch genau, wie es sich anfühlte damals: Wie sie sich knallbunte Süßigkeiten aus den Bonbongläsern nehmen durfte und den Arm nach einer warmen, duftenden Brez’n ausstreckte, die ihr die Verkäuferin über die Ladentheke herunter reichte. Wie die Sonne durch die großen Schaufenster hereinschien und ihre Strahlen auf die Regale mit den gestapelten Konservendosen, Nudelpackungen und Waschmittelflaschen warf, wie warm und freundlich hier alles war. Heile Welt. Ein Kramerladen wie er im Buche steht. Und daran hat sich nichts geändert. Die Bäckerei Graf in Ammerland in der Gemeinde Münsing am Ostufer des Starnberger Sees ist noch immer quasi unverändert der Familienbetrieb, der er bereits vor über 100 Jahren war, eine Institution in dem kleinen Ort, Dorftreffpunkt, Oase der Heimeligkeit. Und Carin C. Tietze hat auch heute noch, fast 40 Jahre später, die gleichen Gefühle hier, Nostalgie pur. Nur dass sich ihre Rolle geändert hat. Heute ist sie nicht mehr das achtjährige Mädchen, das mit ihrer Mama ihre erste Radltour um den See und Rast in der Bäckerei macht, sondern die Bäckerin selbst – oder vielmehr: die Schauspielerin, die im Krimi „Hubert und Staller“ hier jetzt die Verkäuferin Sabrina Rattlinger spielt.

Eine beschauliche Gemeinde am Starnberger See wird zur großen Bühne

Krimi? Hier bei uns? Ja. Im vergangenen Jahr wurde mit „Hubert und Staller“ zwischen Wolfratshausen und Ammerland der bayerische Teil der ARD-Vorabend-Krimi-Reihe „Heiter bis Tödlich“ gedreht. So kamen Mord und Totschlag in die Idylle am See. Die Dreharbeiten waren eine kleine Sensation. „Eine beschauliche Gemeinde am Starnberger See wird zur großen Bühne für eine neue ARD-Polizeiserie“, berichtete der Bayerische Rundfunk. „Endlich rührt sich hier mal was“, freute sich eine Anwohnerin, die zuschaute, wie Polizeifahrzeuge mit Blaulicht und Sirenengeheul durch ihre Straße brausten. Auch Münsings Bürgermeister Michael Grasl und sein Kollege aus Wolfratshausen, Helmut Forster, sahen den Dreh als „ungeheure Bereicherung“ an, fanden es „hervorragend“, dass hier mal so was passiert.

Kurz zusammen gefasst: Es geht um die beiden Streifenpolizisten Franz Hubert (Christian Tramitz) und Johannes Staller (Helmfried von Lüttichau), die zwischen ihrer Polizeiwache am S-Bahnhof Wolfratshausen – ein zum Drehort umfunktioniertes Betriebsgebäude der Bahn – und der Bäckerei Graf in Ammerland hin und her tingeln, um Mord, Erpressung, Drogenschmuggel, Entführung und dergleichen mehr in ihrem Gau aufzuklären. Mit den Fällen sind die beiden verträumten Dorfbullen tendenziell überfordert. Doch sie machen das sehr lustig durch ihre etwas schräge Art zu ermitteln wieder wett. Bei der hübschen Bäckerin Sabrina Rattlinger alias Carin C. Tietze trinken die beiden regelmäßig ihren Kaffee, essen ihr Croissant, besprechen ganz in Ruhe die Lage, flirten mit der offenherzigen, zum Ratschen aufgelegten Verkäuferin…

Foto von Carin C. Tietze auf einem Elektroboot auf dem Starnberger See.

Für Carin C. Tietze ist die Bäckerin eine kleine Rolle. Aber eine, die ihr richtig Spaß macht. Denn es ist für die Schauspielerin, die nur ein paar Kilometer nördlich von Ammerland in Assenhausen lebt, ein Dreh vor der Haustür! „Etwas, was es nur selten gibt und einfach toll ist“, sagt die 47-Jährige. Sie fährt morgens mit dem Fahrrad zum Set. Und trifft hier dann auch noch alte Bekannte, Nachbarn quasi. Denn sowohl Oliver Mielke, der Regisseur und Autor der Krimiserie, als auch Produktionsleiter Carli Morbach und natürlich Kollege Christian Tramitz wohnen ebenfalls vor Ort, direkt in Münsing. Carin Tietze kennt alle drei schon lange. Man ist befreundet. „Es ist ein bisschen so als wären wir die Film-AG in der Schule und sagten: Komm‘, lass uns nachher am See treffen und was drehen …“ Idealbedingung. Bekannte Umgebung, entspannte Atmosphäre. „Da traut man sich mehr, kann improvisieren, sich die Bälle zuspielen“, beschreibt Tietze die Stimmung am Set. Auch Regisseur Mielke antwortet auf die Frage, warum er sich für „Hubert und Staller“ seine Heimatgemeinde als Drehort ausgesucht hat, dass es nichts Besseres gebe. „Schauen Sie sich doch mal um hier. Könnte es eine schönere Kulisse geben?“ Wohl kaum. Doch zurück zu Carin C. Tietze.

„Ich bin eine Art Mädchen für alles.“

Carin C. Tietze

Sie kann in der Rolle der naiven Bäckerin Sabrina Rattlinger ihr wunderbares komödiantisches Talent einbringen. Die Mimin ist eine, die Quatsch liebt. Das sagt sie selbst. Und das berichten andere über sie: Wie sie im Freundeskreis manchmal ganze abendliche Runden mit ihren herrlich erzählten Witzen schmeißt und überhaupt immer gute Laune verbreitet, zu Scherzen aufgelegt ist. Doch Komödie ist trotzdem gar nicht wirklich ihr Fach, beziehungsweise nicht ihr einziges. „Ich gehöre in keine Schublade“, sagt sie, „und das empfinde ich als großes Glück“. Carin Tietze hat eine Bandbreite wie vielleicht nur wenige deutsche Schauspielerinnen: Action, Krimi, Herzschmerz, Heimatfilm, Drama, Charakterfach … Sie hat eigentlich alles gespielt und tut es noch, am laufenden Band. „Ich bin eine Art Mädchen für alles“, schmunzelt sie. Andere hätten vielleicht ein Problem damit. Carin hat es nicht. Sie ist ein Kumpeltyp, uneitel, für alles zu haben.

Ihr großer Durchbruch war, nachdem sie 1987 nach zwei Jahren Schauspielstudium in New York nach München zurückgekehrt war und erst in kleinen Theatern und dann in ersten Fernsehrollen gespielt hatte, Sönke Wortmanns Kinoerfolg „Allein unter Frauen“ (1990). Danach kamen Kinofilme wie „Echte Kerle“ (1995) und „Helden und andere Feiglinge“ (1997). Im Fernsehen war und ist sie seit 1993 in unzähligen Produktionen zu sehen. Man kennt sie etwa aus „Der Bulle von Bad Tölz“, „Sperling“, „Alarm für Cobra 11“, „Traumschiff“, „Der Alte“, „Polizeiruf 110“, „Der Winzerkönig“, „Ein Fall für Zwei“, „Soko Leipzig“. Zusätzlich spricht sie Synchron, macht Hörbücher. Gut im Geschäft nennt man das, volles Programm.

Und das stemmt sie alles zusätzlich zum Familienleben mit ihrem Mann, dem Regisseur Florian Richter, und den beiden gemeinsamen Kindern Lilly (15) und Fausto (11). „Powerfrau“ wird sie von den Medien deshalb auch gern tituliert, „rehäugige Powerfrau“ … Da grinst sie und rollt ein bisschen mit ihren großen braunen Augen. „Na ja, gut, lassen wir’s mal so stehen.“ Und dann: „Ich hab’ zwar manchmal keine Power mehr, aber wenn man meinen Alltag so anschaut, den dichten Stundenplan, dann stimmt das wohl, ja. Ich bin ziemlich belastbar.“ Weitere Merkmale? Freunde sagen: „Sie ist lebenslustig, lebensbejahend. Sie hat ihre Tiefen, ist ein kritischer Mensch. Aber Humor ist ihre Art mit den Dingen umzugehen.“

Rückzug, Normalität, Leute, die nichts mit der Filmwelt zu tun haben…

Carin ist bodenständig. Promileben hat sie nie besonders interessiert. Zwar kennt sie Gott und die Welt und war in ihrer Schauspielschulzeit in den USA mit der New Yorker In-Crowd unterwegs, feierte in den angesagten Clubs, lernte Leute wie Andy Warhol, Grace Jones, Bianca Jagger kennen. Doch sie wusste auch immer schon um die Gefahren des Jet-Set-Lebens, hat immer ihre Seele geschützt. „Ich brauche meinen Rückzug, Normalität, Leute, die nichts mit der Filmwelt zu tun haben … Deshalb lebe ich auch so gerne hier am Starnberger See.“

Nach Jahren in München ist Tietze Mitte der 90er-Jahre mit ihrer Familie nach Assenhausen gezogen. Es war eine Rückkehr in die Heimat. Denn in Starnberg hat sie ab ihrem siebten Lebensjahr ihre Kindheit verbracht. Die Jahre davor war sie in den USA, wo sie auch geboren ist, in Denver, Colorado. Aber Starnberg ist und bleibt der Platz in der Welt, an dem sie verwurzelt ist. Der See, die Berge, der Blick auf die Zugspitze. „Hier gehöre ich her“, sagt sie. „Wenn ich eine Weile weg bin von hier, kriege ich wahnsinnige Sehnsucht. Dann muss ich schnell wieder heim.“

Interviewsituation mit Schauspielerin Carin C. Tietze
Interview mit einer Freundin: Carin und ich im Biergarten in Ammerland.

Zwischendurch ist Carin C. Tietze von zu Hause weg. Auf Drehs in Südafrika, Neuseeland, Asien etc. Und trotz ihrer Häuslichkeit genießt sie das dann auch. Denn daheim ist während ihrer Abwesenheit mit der Hilfe von Großeltern und Freunden immer alles perfekt durchorganisiert. Und die Mama kann für kurze Zeit die Ferne und die Freiheit auskosten, einfach nur die Schauspielerin sein. Sie liebt ihre Arbeit. „Seit ich vier war, wollte ich Schauspielerin werden“, erzählt sie. Obwohl es in ihrer Familie und ihrem näheren Umfeld dafür keine Vorbilder gab. Ihre Eltern waren Lehrer – an der International School in Percha. Doch Carin hat anderes gereizt. „Ich habe immer schon bei dem Gedanken zu spielen, in andere Rollen zu schlüpfen, einen Adrenalinschub gekriegt.“ Es sei, als finde sie in anderen Figuren sich selbst, erklärt Tietze. Jede Rolle sei eine persönliche Weiterentwicklung. Schauspielern wie Sport, nur würden eben die Gefühle trainiert und nicht die Muskeln. Und außerdem: „Ich kann ja nur das“, erklärt sie. Gänzlich ohne Koketterie. Sie nimmt ihren Job sportlich, ist deshalb so angenehm unverbraucht geblieben.

"Nicht ans Meer fahren" - Foto von einem Spruch in einem Elektroboot am Starnberger See.
Guter Tipp im Elektroboot: „Nicht ans Meer fahren!“ Denn da gibt es einfach dieses spezielle Starnberger-See-Gefühl nicht…

Und so angenehm unverbraucht und heimatverbunden steht sie dann auch als Sabrina Rattlinger in der Bäckerei Graf in Ammerland und vermittelt damit genau das Lebensgefühl, das den Krimi „Hubert und Staller“ ausmacht. Dieses ganz spezielle Starnberger-See-Gefühl. Heile Welt.

Fotos: Quirin Leppert